Künstlerische Forschung


Weitere Informationen zu Projekten künstlerischer Forschung im Rahmen des PEEK-Programms des FWF finden Sie in der Projektübersicht:
Projekte künstlerischer Forschung


Fügekunst - Experimentelle Holzstrukturen

Christoph Kaltenbrunner

Institut für Kunstwissenschaften, Kunstpädagogik und Kunstvermittlung 
Im Laufe der Industrialisierung hat sich die Holzbaukultur grundlegend verändert. Viele traditionell handwerklich hergestellte Holzverbindungen sind weitestgehend durch standardisierte Stahlverbindungen ersetzt worden. Um die anisotrope Struktur des Holzes zu homogenisieren, wurden verschiedenste Holzwerkstoffe entwickelt und dadurch wesentliche charakteristischen Eigenschaften des Holzes eliminiert.
 
Die Materialeigenschaften von Holz nutzen um von ihnen zu profitieren statt gegen sie anzukämpfen soll wesentliches Leitbild dieser Arbeit sein. Holz hat außer ökologischen Vorteilen ein signifikantes künstlerisches Potenzial. Es ist ein dynamisches, fast interaktives Material, das sich mit den Klimabedingungen verändert und vice versa die Umgebung beeinflusst. Darüber hinaus haben wir heutzutage die Möglichkeit mit Hilfe des Computers uns die Herausforderung zunutze zu machen, welche die Komplexität der jeweils individuell unterschiedlichen Werkstücke an eine Bearbeitung stellt. Das künstlerische Potential materialbedingter Unikate kann neu erschlossen werden. Seine Lebendigkeit und spezifische Qualität erzeugt eine produktive Spannung zwischen Gestaltern, Material und Nutzern. Viele traditionelle Konstruktionen wie etwa die japanischen Holzverbindungen, die aus der natürlichen Struktur des Holzes schöpfen, sind handwerklich aufwendig, teuer und daher heute unökonomisch. Im CAD/CAM und besonders im parametrischen Modellieren sehen wir jedoch geeignete Werkzeuge, diese Konstruktionen neu zu interpretieren und hier neue Wege für Möbelbau und Holzarchitektur zu eröffnen. Statt abstrakte Entwürfe zu produzieren und danach ein geeignetes Material für die Realisierung zu suchen, gehen wir von den spezifischen Eigenschaften des Holzes aus. Von dieser materialorientierten Designmethode erwarten wir uns eine neue Ästhetik der Holzverwendung, welche die konstruktive Logik des Materials mit einem zeitgemäßen kulturellen Ausdruck verbindet. Qualitäten traditioneller Handwerkskunst sollen durch avancierte Verfahren digitaler parametrischer Systeme und Maschinensteuerung erforscht und erschlossen werden und in Serien von Holzverbindungen und - Strukturen getestet werden.
 
Neben theoretischer Forschung wird sich die Arbeit vor allem auf praktische Experimente stützen. Hierbei werden bekannte Holzverarbeitungsmethoden, wie Bugholz (Thonet), tragende gekrümmte Sperrholzflächen (Eames) und neue materialbasierte Ansätze des Avantgarde-Designs (IBOIS Lab der EPFL Lausanne, ETH Zürich und ICD Stuttgart) als Forschungsgrundlage herangezogen. Eine intensive Untersuchung der spezifischen Materialeigenschaften einerseits und der Analyse von Fügemethoden andererseits bildet die Grundlage unserer Forschung. In weiterer Folge werden mit Hilfe der gewonnenen Kenntnisse Entwurfssysteme und Geometrien entwickelt, die eine spezifische Materialintelligenz inne haben. Anhand von Experimenten an kleinmaßstäblichen Objekten über größere Strukturen bis hin zu nutzbaren architektonischen Räumen werden geometrische Phänomene vertieft untersucht wie etwa gekrümmte Schalen, dynamische flexible Systeme, sowie visuelle und physische Strukturen mit bestimmten Eigenschaften (transluzent, strukturiert, biegbar, bewegend, anpassbar, verändernd etc.)
 
Ein interaktiver “physischer Blog” wird die Prozesse der Forschungsarbeit dokumentieren und die Schnittstelle für einen öffentlichen Austausch sein. In regelmäßigen Ausstellungen werden hier Versuchsergebnisse “gepostet” und eine Platform für Vorträge und Workshops geschaffen. Großmaßstäbliche Installationen zeigen Schlüsselmomente der Forschungsresultate an verschiedenen Orten in Europa und den USA.