Geschichte der Angewandten

Von der k. k. Kunstgewerbeschule zur heutigen "Angewandten"

Im Zentrum Wiens, in der Hauptstadt der Donaumonarchie, wurde im Jahr 1867 die Vorgängerinstitution unserer heutigen Universität für angewandte Kunst, die k. k. Kunstgewerbeschule, gegründet. Sie war an das Österreichische Museum für Kunst und Industrie (das heutige MAK) angegliedert, das erste Kunstgewerbemuseum auf dem europäischen Kontinent. Dieses war 1863 nach dem Vorbild des South Kensington Museum in London, des heutigen Victoria & Albert Museum, ins Leben gerufen worden und sollte als Vorbildersammlung für Künstler, Industrielle und das Publikum dienen. Das früh industrialisierte England spielte damals eine Pionierrolle in der Förderung eines reformierten Kunstgewerbes, um dessen Niedergang im "Maschinenzeitalter" entgegen zu wirken. Im Sinne des Historismus sollten, auch in Wien, die großen Stile der Vergangenheit an kunstgewerblichen Objekten im Museum studiert werden können und mit der Kunstgewerbeschule eine Aus- und Weiterbildungsstätte für Entwerfer und Handwerker aufgebaut werden. Die Wiener Kunstgewerbeschule sollte gleichermaßen Künstler und Lehrer ausbilden, um den Anforderungen der "Kunstindustrie" zu dienen.

Heinrich von Ferstel, der bereits den Museumsbau errichtet hatte, wurde mit dem Entwurf eines eigenen Gebäudes für die Schule beauftragt. 1877 konnte das bis heute genutzte Hauptgebäude der Universität in prominenter Lage an der Wiener Ringstraße feierlich eröffnet werden. Schülerinnen waren, im Gegensatz zur Akademie der bildenden Künste, von Anfang an zugelassen. Als einer der zahlreichen Absolventen jener Ära soll hier nur Gustav Klimt erwähnt werden.

Mit der künstlerischen Entwicklung hin zur Naturbeobachtung und zum freien Entwerfen setzte auch an der Kunstgewerbeschule gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Ablösung vom Arbeiten nach historischen Vorbildern ein. Felician von Myrbach, Mitglied der neu gegründeten Wiener Künstlervereinigung Secession, wurde 1899 als Direktor der Schule berufen, die im folgenden Jahr aus der Administration des Museums herausgelöst wurde. In Myrbachs Amtszeit fallen zahlreiche Reformen und Berufungen, die aus der Kunstgewerbeschule eine der Wiegen des österreichischen Jugendstils machten und ihren Ruf als der Moderne verpflichtete Institution begründeten. Otto Wagner hatte als Kuratoriumsmitglied der Schule großen Einfluss auf deren Reform-Umsetzungen. Die damalige Lehrerschaft liest sich wie ein Who-is-Who des heute viel gefeierten "Wien um 1900" mit Namen wie Kolo Moser, Josef Hoffmann, Alfred Roller - der 1909 seine prägende Direktionszeit begann - und Schülern wie etwa Oskar Kokoschka.

Das Ende der Monarchie bedeutete auch das Ende der "k. k." Kunstgewerbeschule, wiewohl die lange Direktionszeit Rollers (bis 1934) für die Kontinuität des hohen Anspruchs an künstlerische Qualität sorgte. Ein pädagogisches Reformprogramm setzte Franz Cizek in seinen weithin beachteten Jugendkunstkursen um. Aus Cizeks Kurs für Ornamentale Formlehre ging der Wiener Kinetismus hervor, der erst seit Kurzem (wieder) seine internationale kunsthistorische Anerkennung findet, und wo erstmals Künstlerinnen - wie Erika Giovanna Klien - tonangebend wurden. Architekten wie Josef Frank, Oskar Strnad und Oswald Haerdtl setzten die große Tradition der Wiener Raumkunst fort und transformierten sie. Margarete Schütte-Lihotzky, Absolventin der Kunstgewerbeschule, wurde zur Erfinderin der ersten in großen Serien produzierten, sogenannten "Frankfurter Küche", die im sozialen Wohnbau nachhaltige Wirkung hatte.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Wiener Kunstgewerbeschule der "Reichskammer der bildenden Künste" unterstellt, zahlreiche Lehrende und Studierende vom Unterricht ausgeschlossen, bedroht und verfolgt, der Lehrbetrieb gleichgeschaltet. Insbesondere die Grafikklasse unter ihrem Leiter Paul Kirnig lieferte visualisierte Propaganda für die Ziele des "Dritten Reiches", was mit zur Erhebung der Kunstgewerbeschule zur "Reichshochschule für angewandte Kunst in Wien" beitrug.

Nach 1945 hatte die nunmehrige "Hochschule für angewandte Kunst" unter der Direktionszeit Maximilian Fellerers einen schwierigen Start. Ihre Orientierung am Modell einer Kunstakademie drückte sich auch in der Bezeichnung "Akademie für angewandte Kunst" aus (1948-1971, danach wieder "Hochschule"). Die Erweiterung des Lehrprogramms, steigende Studierendenzahlen und ein großer Zubau nach den Plänen von Karl Schwanzer an der Seite des Wienkanals (bezogen 1965) sind Zeichen der Expansion im Zeitalter des wirtschaftlichen Aufschwungs.

In 1980er- und 1990er-Jahren entwickelte sich die Angewandte unter der langjährigen Leitung von Rektor Oswald Oberhuber und von Rudolf Burger, welcher der Hochschule von 1995 bis 1999 vorstand, zu einer fortschrittsorientierten Institution. In diesen Zeitraum fallen Berufungen von Professoren und Professorinnen, die kurzzeitig Impulse gaben oder lang anhaltende Wirkung auf Generationen von Studierenden hatten. Zu den Lehrenden auf den Gebieten von Architektur, Design, bildender Kunst und Theorie dieser Jahrzehnte gehören Persönlichkeiten wie Friedrich Achleitner, Christian Ludwig Attersee, Carl Auböck, Wander Bertoni, Joseph Beuys (als Gastdozent), Rudolf Burger, Jean-Charles de Castelbajac, Tino Erben, Adolf Frohner, Peter Gorsen, Hans Hollein, Wilhelm Holzbauer, Alfred Hrdlicka, Wolfgang Hutter, Karl Lagerfeld, Maria Lassnig, Bernhard Leitner, Walter Lürzer, Axel Manthey, Paolo Piva, Wolf Prix, Christian Reder, Jil Sander, Sigbert Schenk, Kurt Schwarz, Johannes Spalt, Mario Terzic, Peter Weibel, Manfred Wagner - um nur einige zu nennen.

Seit 2000 leitet Gerald Bast als Rektor die Universität für angewandte Kunst Wien, nachdem im Jahr zuvor eine neue gesetzliche Regelung die österreichischen Kunsthochschulen zu Universitäten gemacht hatte. Sein ambitioniertes Programm für eine sowohl inhaltlich wie auch in Studierendenzahlen wachsende Kunstuniversität im Zeitalter von Globalisierung und komplexen politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen spiegelt sich  u. a. in der Etablierung neuer Studiengänge und der Berufung zahlreicher neuer Lehrender wider."

Patrick Werkner