12. Januar 2026
Über die gesamte Spielzeit wird man diesem Ohr, einer Kunstaktion von Rieke Süßkow und Stephan
Thierbach, weiter in allen Bezirken begegnen können – es hört der Wiener Bevölkerung „radikal“ zu. Will heißen: ohne
Widerrede, offen für alle nimmt es in diversen situativen und räumlichen Kontexten Sprachmaterial auf. Wer gehört werden will,
findet in ihm sprichwörtlich ein offenes Ohr, überall, wo es auftaucht.
Als Methode künstlerischer Recherche entsteht
so ein Materialkomplex, der einerseits Grundlage einer alternativen und experimentellen Form der Textgenese dienen kann und
Ausgangspunkt künstlerischer Auseinandersetzung darstellt. Für das Volkstheater und für die Studierenden des Instituts für
Sprachkunst. Diese setzen sich im Rahmen einer begleitenden Lehrveranstaltung damit eingängig auseinander: „Das Besondere
am Projekt
Das Wiener Volksohr" ist für Gerhild Steinbuch, Co-Leitung des Instituts an der Angewandten, „die Beschäftigung
mit O-Tönen aus der Stadtgesellschaft, das genaue Hineinhören in ein vielstimmiges Wien. Was erzählen Menschen der Kunstfigur,
aber auch: Wie erzählen sie es? Und was heißt es für die Sprachkunst-Autor*innen, verantwortungsvoll mit diesen O-Tönen, den
Geschichten, Sprachrhythmen und Sprachen zu arbeiten?“
Unter Betreuung von Matthias Seier (Volkstheater) arbeiten
die Studierenden an individuellen Beiträgen, die im Rahmen der Stückproduktion wieder ins theatrale und damit öffentliche
Feld zurückwandern. Am Ende des Jahres steht deren Präsentation – Format und Inhalte stehen also aktiv mit den Studierenden
in Entwicklung im Rahmen einer Lehrveranstaltung. Was daran auch für das Volkstheater interessant ist, erläutert Seier: „
Das
Wiener Volksohr ist nicht nur eine soziale Plastik, nicht nur implizit gespeicherte Chronik eines Jahres, nicht nur rätselhafter
Akteur im Stadtleben – sondern eben dieser neue Modus, Text und Inhalt zu gewinnen. Und dabei so facettenreich, so unverfälscht
und roh, so banal und besonders, wie Alltagskommunikation eben ist. Die Studierenden blicken automatisch mit fremden Augen
auf diesen gigantischen Textkorpus. Sie lesen die Transkripte anders und graben vielleicht neue Bedeutungen heraus, die sich
erst durch ihren Außenblick ergeben.“
Auch dramaturgisch wird das Projekt als kollektive künstlerische Textgewinnung
verstanden. Julia Engelmayer, die betreuende Dramaturgin am Volkstheater, dazu warum die Zusammenarbeit mit Studierenden der
Angewandten spannend ist: „ Es ist für das Projekt eine große Bereicherung und nur konsequent, auch im künstlerischen Prozess
unterschiedliche Formen der Arbeit am Text aufzunehmen. Nicht nur der im Stadtraum gesammelte Text, sondern auch der künstlerische
Zugriff ist während dieser Phase des Projekts kollektiv und multiperspektivisch. Wie offen die Autorenschaft für die finale
Fassung sein wird, wird sich noch herausstellen. Aber der Text wird allein schon durch die gemeinsame Reflexion im Seminar
ein kollektives Produkt.“
Bei genau dieser können die Studierenden direkt und praxistauglich über das Schaffen
und Schreiben für das Theater lernen, Entscheidungen treffen. „Wie generiere ich aus einem rohen Transkript einen bühnentauglichen
Sprechtext oder gleich eine ganze Szene? Wie schäle ich aus dem Sprechsalat die darin liegenden Konflikte, Widersprüche, Gefühle
heraus? Welche Momente wähle ich dafür aus, und welche lasse ich dafür links liegen?“ Die Arbeit mit dem Text wird so zu lebendigen
und kontroversen, kuratorisch-dramaturgischen Aufgabe. „Ganz praxistauglich bedeutet das: Sampling und Remix als literarische
Strategie (auch in der Theater- und Probenarbeit), Redigieren und Auswählen als künstlerischer Prozess“, erläutern Engelmayer
und Seier.
Theater als Arbeitsfeld – Kooperationen und Vernetzung
Um eben solche praktische
Erfahrungen im realen Kulturbetrieb erfahrbar zu machen und auch als wichtigen und interessanten Input aus der Universität
heraus in die zeitgenössische Kulturpoduktion zu fördern, setzt das Institut für Sprachkunst regelmäßig auf Projekte mit Partner*innen
des Kultur- und Literaturbetriebs. Die Ausbildung, die alle Gattungen literarischen Produzierens umfasst, ist so entsprechend
breit wie die Kooperationsprojekte und Inhalte.
„Am Institut für Sprachkunst ist uns die Arbeit mit Text in unterschiedlichen
Gattungen und durch verschiedene Formen der Zusammenarbeit mit anderen Künsten wichtig. Einer unserer Schwerpunkte liegt dabei
auf Texten, die mit und für das Theater geschrieben werden.“ führt Steinbuch weiter aus. Dafür haben werden in diesem Jahr
mit drei verschiedenen Häusern in Wien – dem Volkstheater, dem Burgtheater und dem Schauspielhaus – jeweils spezifische Formate
entwickelt, in denen Texte aus der Sprachkunst auf verschiedene theatrale Praxen treffen, sich austauschen und weiterentwickeln.
Dieser Logik folgend steht die Sprachkunst auch im nächsten Frühjahr am Programm des Schauspielhauses. „Nach zwei erfolgreichen
Symposien mit dem Wiener Schauspielhaus und in Kooperation mit den Wiener Wortstätten, zuletzt zu Sprache und europäischen
Bündnispolitiken im Angesicht autoritärer Tendenzen, freuen wir uns sehr darauf, diese Zusammenarbeit nun im Frühjahr 26 weiterführen
und unsere Autor*innen mit Kolleg*innen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz vernetzen zu können.“ (BS)
Mehr
Information:Dem Volksohr und seinen Stationen kann man übrigens auf der
Instagram-Seite
des Projekts folgen
Kooperation
Sprachkunst x SchauspielhausSprachkunst
x Burgtheater: Junge Stimmern der neuen Dramatik